Die Brücke zur Verkehrswende
Von Changing Cities (Ragnhild Sørensen)
04. Juli 2026, 13:00 Uhr
Als die Ringbahnbrücke am Autobahndreieck Funkturm in Berlin im Frühjahr 2025 wegen Rissen im Tragwerk komplett gesperrt und im Anschluss abgerissen wurde, schien das Verkehrschaos vorprogrammiert. Anfangs gab es auch mehr Verkehr an den Umleitungsstrecken – aber das befürchtete Chaos löste sich nach einer Weile in Luft auf. Zwar leiden einige Wohnkieze wie der Klausener Platz unter erhöhtem Durchgangsverkehr. Doch der Autoverkehr – und wir reden hier nicht von ein paar Autos, sondern von 100.000 Kfz pro Tag! – hat sich nachweislich reduziert.
Man nennt es in der Forschung Verkehrsverdunstung. Jede*r denkt, dass der Autoverkehr sich wie Wasser verhält: Trifft es auf ein Hindernis, sucht es sich einfach einen anderen Weg. Doch Verkehr lässt sich nicht mit Wasser vergleichen. Verkehr ist das Ergebnis menschlicher Entscheidungen. Gibt es eine Verkehrsberuhigung, suchen die Leute zwar erst mal nach Alternativen. Doch Forschende stellen immer wieder fest: Der Autoverkehr reduziert sich. Die einfache Erklärung: Menschen denken und entscheiden sich neu. Stau ist also keine Naturgewalt.
Bis 2040 sollen in Berlin 175 Brücken abgerissen und neu gebaut, 125 weitere saniert werden. Auf den ersten Blick drohen Staus ohne Ende – bei genauerem Hinsehen bietet sich hier eine einmalige Chance für die Verkehrswende. Berlin könnte den Sanierungsstau zum Anlass nehmen, mehr Radwege zu bauen, eigene Spuren für Bus und Tram einzurichten und den Fokus auf lebendige öffentliche Straßen und Plätze legen.