Blinder Fleck

Von Matthias Rude

24. Juni 2026, 13:10 Uhr

Vor 120 Jahren enthüllte Upton Sinclair mit „The Jungle“, was in Schlachthöfen vor sich geht: ein „in einem Verlies“ verübtes Verbrechen, verdrängt aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein. Schon Karl Marx kritisierte die moderne Tierhaltung als „Zellengefängnissystem“. Max Horkheimer beschrieb den Kapitalismus als „Wolkenkratzer“, dessen Keller ein Schlachthof ist: oben rivalisierende ökonomische Eliten, unten „die Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“.

Der Blick in die Schlachtfabriken zeigt die Logik des Kapitalismus in konzentrierter Form: Die rücksichtslose Unterordnung von Menschen, Tieren und Natur unter das Profitinteresse. An der Ausbeutung hat sich nichts geändert. Erst kürzlich wurden wieder sklavenartige Arbeitsbedingungen in der deutschen Fleischindustrie aufgedeckt. Das „unbeschreibliche“ Leiden der Tiere, von dem Horkheimer sprach, ist nur einen Klick entfernt – zahlreiche Organisationen dokumentieren es.

Dennoch bleibt die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit Tieren eine Leerstelle in vielen linken Programmen und Debatten. Dabei betrifft sie kein ethisches Randproblem: Allein die ökologischen und sozialen Folgen der Tierindustrie machen sie zu einem Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie. Wer sich dieser Erkenntnis verschließt, wird künftigen Generationen als regressiv gelten – wie heute die Verteidiger der Sklaverei. Für eine progressive Linke darf die Tierfrage kein blinder Fleck bleiben, sonst überlässt sie das Feld bürgerlichen Bewegungen.

Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Fast geschafft! Bitte bestätige noch den Link, den wir dir an deine Email-Adresse gesendet haben

Du kannst reine.ansichtssache jederzeit über den Link im Newsletter abbestellen.